September 2017: Bekassinen in den Leinepoldern

Bekassine am Ufer // Gaby Schulemann-Maier
Bekassine am Ufer // Gaby Schulemann-Maier

Manche Tiere lassen sich wegen ihrer ausgezeichneten Tarnung oft nur bei genauem Hinschauen entdecken – so auch die Bekassine. Im Frühling und Herbst legen einige dieser Vögel während ihres Zuges einen Zwischenstopp in den Leinepoldern ein. Nach ihnen Ausschau zu halten, lohnt sich.

Schlammige, feuchte Uferzonen, in denen häufig braune Farbtöne überwiegen, gehören zu den bevorzugten Lebensräumen der Bekassinen. Dank ihres graubraunen, schlichten Gefieders sind sie in dieser Umgebung so gut getarnt, dass man sie oft erst sieht, wenn sie sich bewegen.

Bekassinen gehören zu den Schnepfenvögeln und ihr sehr langer, gerade Schnabel ist typisch für sie. Er kann 5,5 bis 7,5 cm lang sein, die Vögel selbst messen insgesamt etwa 25 bis 27 cm. Zieht man die Länge des Schnabels ab, wird deutlich, dass Bekassinen nur etwa so groß wie Amseln sind. Damit gehören sie zu den eher kleinen Wasservögeln, die man in den Leinepoldern antreffen kann.

"Charakteristisch für Bekassinen sind ihre kräftigen, rahmfarbenen Längsstreifen auf dem Kopf und auf der Oberseite des Rumpfes", erklärt Thomas Spieker vom Naturscouts Leinetal e.V. "Verglichen mit anderen in den Uferzonen lebenden Watvögeln sind Bekassinen ziemlich kurzbeinig und sie schreiten meist sehr bedächtig. In Kombination mit ihrem Tarngefieder macht sie das zu höchst unauffällig lebenden Vögeln."

Während der Balzzeit ist das anders. Dann trumpfen die Bekassinen mit einer Fähigkeit auf, die ebenso faszinierend wie verblüffend ist: Anstatt wie andere Vögel allein mit Rufen oder Gesänge auf sich aufmerksam zu machen – bei den Bekassinen singen Männchen und Weibchen –, lassen diese Vögel außerdem ihre Federn "sprechen". Bei ihrem Balzflug steigen sie zunächst auf etwa 50 m Höhe auf und lassen sich dann in einem Winkel von 45° bis 90° nach unten fallen. Dabei spreizen sie ihre äußeren Steuerfedern ab. Der "Fahrtwind" strömt an ihrem Körper entlang und wird von den schlagenden Flügeln zwischendurch unterbrochen. Das versetzt die Steuerfedern in Schwingungen, wodurch ein weittragendes, wummerndes Geräusch entsteht. Weil es ein wenig "meckernd" klingt, werden Bekassinen auch als Himmelsziegen bezeichnet.

Wenn sie nicht gerade Balzflüge zeigen, was vor allem die Männchen tun, lassen sich die Geschlechter äußerlich nicht unterscheiden. Jungtiere sehen den erwachsenen Artgenossen ebenfalls ausgesprochen ähnlich, lediglich die hellen Streifen auf ihrem Rücken sind etwas schmaler als die der erwachsenen Bekassinen. Wegen dieser Ähnlichkeit der Geschlechter und Altersstufen lässt sich bei einer Beobachtung meist nicht mehr sagen als "Bekassine", was aber nicht weiter schlimm ist, denn eine Sichtung dieser Vögel ist immer etwas Besonderes.

Bekassine in flachem Wasser // nanard33 via Pixabay
Bekassine in flachem Wasser // nanard33 via Pixabay

Opfer von Lebensraumverlusten

Der Bekassine geht es wie vielen anderen Vogelarten, die auf spezielle Lebensräume angewiesen sind, die uns Menschen als wenig nützlich erscheinen. Schlammige Uferzonen, die noch dazu gelegentlich überflutet werden, sind ebenso wie feuchte Wiesen beispielsweise zum Bebauen oder für die Landwirtschaft nicht geeignet. Also wurden Gewässerläufe begradigt, Wiesen trockengelegt und somit die für Bekassinen wichtigen Biotope vernichtet.

Diese Vögel brauchen den weichen, schlammigen Untergrund, um darin mit dem langen Schnabel nach Nahrung zu stochern. In harter, eher trockener Erde werden sie nicht fündig. Weil diese für uns Menschen aber „pflegeleichter“ und besser nutzbar ist, finden Bekassinen in Deutschland nur noch an vergleichsweise wenigen Stellen ein Auskommen. Die Art gilt in Deutschland gemäß der Roten Liste als vom Aussterben bedroht. Ähnlich verhält es sich in vielen europäischen Nachbarländern, auch dort schrumpfen die Bestände der Bekassine seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Eine gute Nachricht gibt es jedoch: Sogar wenn die Art in Europa nicht mehr da wäre, würde sie trotzdem nicht vollständig von der Bildfläche verschwinden, weil sie ein sehr großes Verbreitungsgebiet hat und in vielen Teilen davon noch häufig vorkommen. Dieses Areal, in dem Bekassinen heimisch sind, erstreckt sich von den nördlichen Breiten bis zu den Tropen und Subtropen der Erde.

"Dennoch freuen wir uns über jede Bekassine, die im Frühling oder Herbst in den Leinepoldern Rast macht und dabei gesichtet wird", erläutert Spieker. "Wer Bekassinen sieht, kann sie auf unserer Partnerplattform naturgucker.de melden. Für uns wäre das sehr hilfreich, denn wir Naturscouts brauchen Unterstützung dabei, die Artenvielfalt in den Leinepoldern nicht nur zu bewahren, sondern sie auch zu dokumentieren."

Bekassinen im Flug // Peter Jan Reus
Bekassinen im Flug // Peter Jan Reus

Beobachtungstipps für Bekassinen

Wie aus den naturgucker.de-Daten hervorgeht, fanden in der Vergangenheit Bekassinensichtungen vor allem im September und Oktober sowie von März bis April/Mai statt. Die meisten der in den Leinepoldern nachgewiesenen Individuen hielten sich an der Geschiebesperre Hollenstedt und nach einem Einstau in Polder 1 auf. "An der Geschiebesperre einfach ans Ufer zu gehen, um einen guten Blick auf die Vögel zu haben, verbietet sich aufgrund des Wegegebotes jedoch von selbst", so Spieker.

In den Leinepoldern, die ein EU-weit bedeutsames Vogelschutzgebiet darstellen, dürfen die Wege nicht verlassen werden – weder von Menschen, noch von ihren vierbeinigen Begleitern. Hunde sind ganzjährig anzuleinen, damit sie nicht über die geschützten Flächen toben und dort scheue Wildtiere aufschrecken. Bekassinen fliegen übrigens oft erst im letzten Moment auf. Halten sie sich am Boden auf und fühlen sich sich in Gefahr, knicken sie die Beine ein und drücken den Körper flach an den Untergrund, um sich "unsichtbar" zu machen.

Sehr gute und naturverträgliche Beobachtungsmöglichkeiten bieten sich vom Holzturm aus, der in der Nähe der Geschiebesperre errichtet wurde. Am besten bringt man ein Fernglas oder ein Spektiv (Beobachtungsfernrohr) mit und hält vom Beobachtungsstand aus die Uferzonen im Blick. Mit etwas Glück gelingt dann vielleicht eine Sichtung der scheuen "Himmelsziege", die sich im Herbst jedoch vor allem am Boden aufhält.

Wer mag, kann sich außerdem geführten Wanderungen der Naturscouts anschließen und dabei mehr über die faszinierende Natur der Leinepolder erfahren. Eine Kontaktaufnahme ist via Naturscouts-leinetal.de möglich, dort finden sich auch Terminhinweise.