November 2017: Gefiederte Juwelen – Eisvögel in den Leinepoldern

Eisvogel-Männchen // pexels via Pixabay
Eisvogel-Männchen // pexels via Pixabay

Meist sind es vor allem die großen Vögel, die uns besonders leicht in ihren Bann schlagen. Beim Eisvogel ist das anders. Trotz seiner relativ geringen Körpergröße ist er wegen seiner kräftigen Gefiederfarben ein echter Blickfang. In den Leinepoldern ist der geschickte Fischfänger ganzjährig zu Hause.

Einem Eisvogel (Alcedo atthis) bei der Beutejagd zuzuschauen, ist immer wieder ein Erlebnis. Von einer passenden Sitzwarte aus – dies ist meist ein Ast, der über ein Gewässer ragt – behält das Tier die Wasseroberfläche sehr genau im Blick. Erspäht der Eisvogel einen Fisch, fliegt er blitzschnell los und stößt mit dem Schnabel voran ins Wasser, um dort wenn alles gut läuft seine Beute zu packen. Anschließend dreht sich der Vogel unter Wasser und drückt sich mit seinen kräftigen Flügeln wieder nach draußen, um sogleich auf einen Ast zu fliegen und dort den Fisch zu verspeisen. Zappelt dieser, wird er nach typischer Eisvogelmanier erst einmal kräftig gegen den Zweig geschlagen, um ihn zu betäuben oder zu töten.

Das Fangen der Fische geht dabei so schnell vonstatten, dass man als Beobachter die kleinen Details mit bloßem Auge nicht erfassen kann. Gerade saß der Vogel noch auf dem Ast, dann sieht man Wasser aufspritzen und schon fliegt das Tier mit einem Fisch im Schnabel wieder nach oben. Dabei wünschen sich viele Betrachter, sie könnten mehr Details dieser "Blitz-Jagd" erfassen, denn Eisvögel sind ausnehmend farbenfrohe Erscheinungen.

Eisvogel mit Beute // ParoleMusica via Pixabay
Eisvogel mit Beute // ParoleMusica via Pixabay

Stämmig und bunt

Keine andere heimische Vogelart trägt so viel Blau im Gefieder wie der Eisvogel. Er zeigt diese Farbe an den Federn des Kopfes, des Rückens, der Flügel und des Schwanzes. Allerdings handelt es sich nicht um ein reines Blau, sondern vielmehr um ein Türkisblau, das vor allem im Sonnenlicht eine hohe Strahlkraft hat. Rotrot bis kastanienbraun ist die Körperunterseite gefärbt, lediglich die Kehle ist weiß. Seitlich am Kopf haben Eisvögel rostbraune Ohrdecken und im hinteren Bereich je einen weißen Halsfleck.

Der Körperbau dieser Vogelart wirkt recht gedrungen. Dieser Eindruck entsteht einerseits deshalb, weil sein Hals kurz ist und der relativ große Kopf direkt auf den Schultern zu liegen scheint. Außerdem sind die Schwanzfedern kurz und keine überragt dabei die andere. Insgesamt sind Eisvögel nur etwa zwischen 16 und 18 cm lang, ihre Flügelspannweite beläuft sich auf 25 cm. Da fällt der circa 4 cm lange Schnabel stark auf, er wirkt an so einem kleinen Vogel besonders mächtig.

Ein Blick auf den Schnabel ermöglicht es, das Geschlecht der Eisvögel zu erkennen – zumindest bei erwachsenen Individuen. "Männliche Individuen haben einen schwarzen Schnabel, der manchmal ein wenig aufgehellt ist", erklärt Thomas Spieker von den Naturscouts Leinetal e.V. "Weibchen haben dagegen nur einen dunklen Oberschnabel und einen orange gefärbten Unterschnabel, woran sie gut zu erkennen sind."

Recht farbenfroh sind die kleinen Füße und Beine der Eisvögel. Sie zeigen eine lebhafte orangerote Färbung. Und obwohl sie so klein sind, müssen diese Füße viel leisten, wenn für die gefiederten Fischjäger im Frühling die Gründung einer Familie ansteht.

Eisvogel auf seiner Ansitzwarte // jeanetbosgraaf via Pixabay
Eisvogel auf seiner Ansitzwarte // jeanetbosgraaf via Pixabay

Tunnelbau für den Nachwuchs

"Zum Brüten brauchen Eisvögel senkrechte Abbruchkanten in Gewässernähe, die am besten aus festem Sand oder lehmiger Erde bestehen sollten. Sie graben unter großer Anstrengung einen meist fast waagerechten Gang hinein, an dessen Ende sich ein Kessel befindet, in dem die Eier gelegt werden", erläutert Spieker. "Bei den Bauarbeiten setzen Eisvögel ihre kleinen Füße dazu ein, die lose Erde aus der immer länger werdenden Niströhre zu scharren. Es sind Röhren mit einer Länge von bis zu einem Meter bekannt. Dafür müssen die kleinen Vögel ziemlich viel Erde mit ihren Füßen bewegen."

Meist besteht ein Gelege aus sechs bis acht Eiern, die von beiden Partnern abwechselnd 19 – 21 Tage bebrütet werden. Sind die Jungen geschlüpft, sind sie anfangs noch nackt und blind. In dieser Zeit werden sie von einem der Elternvögel gewärmt, was als Hudern bezeichnet wird. In den kommenden rund vier Wochen werden sie mit Fischen versorgt und wachsen schnell, sodass bald am Tage kein Hudern mehr nötig ist.

"Wenn Eisvögel einen Fisch für ihren Nachwuchs gefangen haben, kann man das ganz leicht erkennen", weiß Thomas Spieker. "Sie legen den Fisch so in den Schnabel, dass der Kopf der Beute nach vorn zeigt. Nur so können die jungen Eisvögel das Futtertier leicht herunterschlucken, ohne dass sich die Flossen oder die Schuppen im Rachen querstellen." Ist das Beutetier hingegen für den eigenen Verzehr gedacht, wird es andersherum in den Schnabel genommen. So zeigt der Kopf des Fisches zum Rachen des Eisvogels, der die Beute problemlos schlucken kann. Neben Fischen fressen Eisvögel außerdem Wasserinsekten und deren Larven, kleine Krebstiere sowie Kaulquappen.

Eisvogel-Paar // lukasbieri via Pixabay
Eisvogel-Paar // lukasbieri via Pixabay

Schachtelbruten und Bigamie

Um ihren Fortpflanzungserfolg zu sichern, setzen Eisvögel auf verschiedene Strategien. Es kommt oft vor, dass ein Männchen zwei Weibchen und deren Küken gleichzeitig versorgt, was ein nahrungsreiches Jagdgewässer in der Nähe voraussetzt. Oder aber es finden sogenannte Schachtelbruten statt. Was das ist, erklärt der Naturscout Spieker: "Sind die Jungen der ersten Brut schon so weit entwickelt, dass sie nicht mehr ständig gewärmt werden müssen, kommt es zu weiteren Paarungen der Alttiere. Das Weibchen legt dann bald an einem anderen Nistplatz Eier, die gewärmt werden, während die Küken aus der ersten Brut weiterhin versorgt werden. Beide Bruten laufen also ineinander verschachtelt ab."

Das mag alles sehr anstrengend klingen, doch zur Arterhaltung ist dies durchaus sinnvoll. Denn es gibt bei den Bruten häufig hohe Verluste. Führt zum Beispiel das Gewässer, an dem die Eisvögel brüten, im Frühling plötzlich Hochwasser, können die Brutröhren volllaufen. Oder Fressfeinde wie Marder, Waschbären und Ratten gelangen in die Nester und töten den Nachwuchs oder fressen die Eier.

Nach dem Verlassen des Nestes müssen die Jungvögel die besondere Jagdtechnik des Stoßtauchens rasch erlernen, um nicht zu verhungern. Nicht allen gelingt dies und so mancher Jung-Eisvogel ertrinkt bei dem Versuch, Beute zu machen. Oder die unerfahrenen Jäger fangen nicht genügend Fische und verhungern.

Eisvogel // footiechic via Pixabay
Eisvogel // footiechic via Pixabay

Eisvögel im Winter

Im Unterschied zu vielen weiteren heimischen Vogelarten ziehen Eisvögel im Winter nicht in den Süden. Erwachsene Vögel bleiben ihren Revieren treu, was in sehr kalten Wintern ihren Tod bedeuten kann. "Frieren die Jagdgewässer der Eisvögel zu, haben die Tiere keine Möglichkeit, sich zu ernähren", so Spieker. Findet sich dann in der näheren Umgebung kein eisfreies Gewässer, ist das Schicksal der Eisvögel besiegelt. "Weil die Leine in den Leinepoldern auch in sehr kalten Wintern zumindest stellenweise eisfrei bleibt, ist dieses Gebiet für Eisvögel in dieser Jahreszeit ein wichtiger Lebensraum", erläutert der Naturscout.

Von den Beobachtungsposten aus kann man die hübschen Vögel dann oft auf ihren Sitzwarten über dem Wasser sehen, wobei ein Fernglas gute Dienste leistet. Ins Gebiet zu laufen, um die Vögel besser sehen zu können, ist keine gute Idee. In den Leinepoldern gilt ganzjährig ein Wegegebot für Menschen und die sie begleitenden Hunde. Die Vierbeiner sind an der Leine zu halten, damit sie nicht ins Schutzgebiet rennen und dort die Wildtiere stören.

Wer gern Eisvögel und andere tierische Bewohner der Leinepolder beobachten möchte und Hilfe beim Auffinden braucht, für den bietet es sich an, sich einer geführten Wanderung der Naturscouts Leinetal anzuschließen. Die erfahrenen Naturführer kennen die besten Beobachtungsplätze und wissen viel Spannendes und Wissenswertes über die in den Leinepoldern lebenden Tiere und das Schutzgebiet selbst zu berichten.