Juni 2017: Säugetiere – die heimlichen Bewohner der Leinepolder

Feldhase // Peter Jan Reus
Feldhase // Peter Jan Reus

Die Leinepolder zwischen Einbeck und Northeim sind vor allem als wichtiger Lebensraum für viele Vögel bekannt. Etliche Säugetierarten sind dort ebenfalls heimisch, führen aber meist ein heimliches Leben. Trotzdem kann man mit etwas Glück manche von ihnen beobachten.

Bei der Naturbeobachtung werden meist insbesondere Vögel und Insekten wahrgenommen. Dagegen halten sich die Säugetiere eher ein wenig bedeckt. Anstatt wie die Vögel laut zu singen, bewegen sie sich leise durch die Vegetation oder sie sind im Schutze der Nacht aktiv. Manche sind so klein, dass man sie im hohen Gras nicht sieht – das gilt beispielsweise für die unzähligen Mäuse, die um uns herum leben.

Weil sich ihnen in den Leinepoldern zwischen Einbeck und Northeim gute Lebensbedingungen bieten und sie neben Nahrung auch Versteckmöglichkeiten vorfinden, gibt es in dem Gebiet eine ganze Reihe unterschiedlicher Säuger. Das Gute am Leben in einem Naturschutzgebiet ist: Die Tiere bleiben vom Menschen unbehelligt, sofern sich dieser an das geltende Wegegebot hält und seine mitgebrachten Vierbeiner immer angeleint nur in seiner unmittelbaren Nähe laufen lässt.

Wer sich als Säugetier in einer sicheren Umgebung wähnt, legt ein wenig von seiner natürlichen Scheu ab. Das bringt einen unbestreitbaren Vorteil für Naturfreunde mit sich, die gern in dem Gebiet spazieren gehen. Sie haben - ein wenig Glück vorausgesetzt - die Möglichkeit, heimische Säuger und mitunter auch Fell tragende tierische Neubürger zu Gesicht zu bekommen.

 

 

Reh // Peter Jan Reus
Reh // Peter Jan Reus

Langbeinige Schönheiten

Wer einmal ausgiebig ein Reh betrachtet hat, wird begeistert sein von der Art, wie es sich auf seinen langen, dünnen Beinen grazil und geräuschlos bewegt. In den Leinepoldern sind Rehe die am häufigsten beobachtete Säugetierart. Bei diesen zur Familie der Hirsche gehörenden Säugern tragen nur die Männchen, Böcke genannt, ein Gehörn. Verglichen mit dem anderer Vertreter ihrer Familie, ist es jedoch relativ klein. Bei den in Deutschland vorkommenden Rehböcken sind die Gehörnstangen durchschnittlich nur etwa 15 bis 20 cm lang. Die Gehörne älterer Böcke zeigen für gewöhnlich drei Enden.

Dass die scheuen Rehe oft so rasch fliehen, wenn sich ihnen ein Mensch nähert, liegt an ihrem außerordentlich gut entwickelten Geruchssinn. "Rehe haben auf ihrer Nasenschleimhaut über 300 Millionen Riechzellen – eine unvorstellbar große Zahl! Da verwundert es nicht, dass sie Menschen aus einer Entfernung von 300 bis 400 m riechen können", erklärt Thomas Spieker von den Naturscouts Leinetal e. V. Steht der Wind hingegen so, dass er den Geruch des Menschen nicht zu den Rehen trägt, können sie uns auch nicht wittern.

Beim Reh sind die Augen seitlich am Kopf angeordnet, was eine gute Übersicht verschafft. "Wir Menschen können allenfalls eher undeutlich am Rande unseres Gesichtsfeldes wahrnehmen, was neben uns passiert. Da sind die Rehe ganz klar im Vorteil, was allerdings nur gilt, sofern sich etwas bewegt", weiß Spieker. Auf bewegte Objekte reagieren die Tiere in aller Regel sofort, wohingegen sie Unbewegliches nur schlecht wahrnehmen können. "Wer zufällig ein Reh in der Nähe stehen hat und es gern intensiv beobachten möchte, sofern der Wind günstig steht, sollte sich deshalb am besten nicht bewegen", rät der Naturkenner.

Rotfuchs // andyballard via Pixabay
Rotfuchs // andyballard via Pixabay

Rote wilde Hunde

Dass der Rotfuchs zur Familie der Hunde gehört, ist vielen Menschen nicht bewusst. Dabei ist eine deutliche Ähnlichkeit mit etlichen Haushunderassen durchaus gegeben: Spitze, auf dem Kopf stehende Ohren, nach vorn gerichtete Augen und eine langgezogene Schnauze. "Und wenn Füchse bellen, dann hört sich das an wie die Lautäußerung eines sehr heiseren Hundes", beschreibt Spieker die Stimme unserer häufigsten heimischen Wildhunde. Jedoch verhalten sich Füchse vor allem tagsüber meist ruhig.

Manchmal kann man sie dabei sehen, wie sie durch die Wiesen der Leinepolder streifen und dort nach Beute suchen. Sie ernähren sich unter anderem von kleinen Säugern wie Mäusen. Darüber hinaus nehmen Füchse als Allesfresser mit Regenwürmern vorlieb oder fressen im Sommer Früchte. Aas wird von ihnen ebenfalls verwertet.

"Immer wieder erleben wir Naturscouts es auf unseren geführten Spaziergängen, dass manche Naturbeobachter plötzlich einen durchdringenden 'Raubtiergeruch' wahrnehmen. Sie riechen Füchse, die in der Umgebung eine Markierung gesetzt haben oder deren Bau sich im näheren Umkreis befindet", erklärt Spieker. Doch nehmen nicht alle Menschen diesen Geruch wahr, sodass man sich bei der Suche nach Füchsen nicht allein auf die Nase verlassen sollte. Am besten sucht man von einem der Beobachtungspunkte mit einem Fernglas die Wiesen ab – eventuell hat man ja Glück und findet einen "Reineke".

Westeuropäischer Igel // Alexas_Fotos via Pixabay
Westeuropäischer Igel // Alexas_Fotos via Pixabay

Hoppeln und flitzen

Die beste Zeit, um in den Leinepoldern Feldhasen zu beobachten, sind Spätwinter und Frühling, wenn die Tiere nach den kalten Monaten um das andere Geschlecht buhlen. Im Sommer, wenn die Vegetation vergleichsweise hoch ist, können sie sich gut vor unseren Blicken verstecken. Dennoch sind sie da und hoppeln flink umher, um hier und da nach saftigem Grün zum Fressen zu suchen.

Ausgesprochen faszinierende Tiere sind die Steinmarder, die in den Leinepoldern und in deren Umgebung wohnen. Ihr langgestreckter, schlanker Körper ist bestens dazu geeignet, sich durch schmale Durchgänge zu schieben. Auf ihren recht kurzen Beinen können die kleinen Raubtiere erstaunlich schnell laufen. Weil Steinmarder vor allem nachts aktiv sind, gelingen Beobachtungen dieser schönen Säuger am Tage nur selten.

Der aus dem Siedlungsraum bekannte Igel – eigentlich mit vollem Namen Westeuropäischer Igel – ist ebenfalls in dem Naturschutzgebiet beheimatet. Im Sommerhalbjahr durchstreifen die stacheligen Säuger nachts die Wiesen, um dort das reichhaltige Insekten- und Regenwurm-Nahrungsangebot voll auszuschöpfen. Geht man während der Dämmerung spazieren, lassen sich Igel manchmal mit einem Fernglas in dem Gebiet beobachten und oft auch hören, wenn sie in der für sie typischen Weise laut schnaufen.

Eine echte Ausnahmeerscheinung in der Region ist die in Deutschland selten gewordenen Wildkatze. Sie ist von einem Naturscout im Dezember 2015 im Schutzgebiet gesehen worden. Es bleibt zu hoffen, dass es in Zukunft weitere Sichtungen dieser bedrohten Art geben wird. In den umliegenden Wäldern des Solling und im Elfaß ist die Wildkatze übrigens bereits dauerhaft beheimatet.

Wildschwein // mohanmahadevan via Pixabay
Wildschwein // mohanmahadevan via Pixabay

Kraftvolle "Gärtner"

Wildschweine gehören zu den Säugern, deren Spuren oft weithin sichtbar sind. "Wenn eine Wildschweinrotte den Boden durchwühlt hat, sieht es aus, als hätte dort ein übereifriger Gärtner alles kräftig umgegraben", so Thomas Spieker. Dass die Wildschweine den Boden durchwühlen, liegt in ihren Ernährungsgewohnheiten begründet. Sie sind Allesfresser und graben unter anderem Wurzeln, Regenwürmer oder Käferlarven aus. Schnecken und Pilze wissen sie ebenfalls zu schätzen und auch Wasserpflanzen, die sie an der Leine finden, nehmen sie gern zu sich. An solchen von Wildschweinen durchwühlten Stellen halten sich im Herbst und Winter gerne graue Gänse sowie Kraniche auf.

Feuchte, schlammige Stellen haben auf Wildschweine eine große Anziehungskraft, weil sich die Tiere dort ausgesprochen gern suhlen. Das heißt, sie bedecken ihren Körper mit Schlamm, der vor allem an warmen Sommertagen eine willkommene Abkühlung bietet und außerdem im Fell sitzende Parasiten einschließt. Eine solche "Schlammpackung" ist sozusagen Wellness pur für unsere heimischen wilden Schweine.

Waschbär // homar via Pixabay
Waschbär // homar via Pixabay

Neubürger aus Übersee

Neben den heimischen Säugetierarten kommt in den Leinepoldern der Waschbär vor. Wie viele Individuen es sind, ist nicht klar, aber dass sie da sind, ist sicher. 2Immer wieder werden Sichtungen auf naturgucker.de gemeldet oder uns Naturscouts wird davon erzählt", so Spieker. Die aus Nordamerika stammenden Tiere halten sich meist in der Nähe von Wasser auf, also zum Beispiel an der Geschiebesperre.

Die hier freilebenden Waschbären gehen auf Tiere zurück, die vom Menschen gewissermaßen eingeschleppt wurden. Es sollen im Jahr 1934 Waschbären im Bereich des Edersees ausgesetzt worden sein, die sich in freier Natur etablieren und vermehren konnten. Viele Naturschützer und Jäger sehen die Ausbreitung der Waschbären, die geschickte Raubtiere sind, als kritisch an. Doch bisher ist kaum ausreichend geklärt, wie groß der Einfluss der Waschbären auf Vogelpopulationen und andere Tierbestände tatsächlich ist und inwiefern sie den einheimischen Raubtieren Konkurrenz machen.

Allerdings gilt es andererseits als sehr wahrscheinlich, dass die einstige Kormorankolonie am Großen Kiessee von den Vögeln wegen der Raubzüge der Waschbären aufgegeben worden ist. Diese räuberischen Säuger können sehr gut klettern und sind bereits in Kormorannestern beobachtet worden. Wie es sich mit den Waschbären in den Leinepoldern im Detail verhält, wäre deshalb interessant zu wissen. "Wer bei Spaziergängen eines dieser Tiere sieht, kann es entweder auf naturgucker.de melden oder uns Naturscouts informieren", bittet Spieker.