Nicht nur am Meer heimisch: Möwen in den Leinepoldern

Lachmöwe im Prachtkleid // Peter Jan Reus
Lachmöwe im Prachtkleid // Peter Jan Reus

Der Anblick von Möwen fernab der Küste überrascht manche Menschen. Ein großer Teil dieser Vögel ist zwar tatsächlich am Meer beheimatet, doch es gibt auch im Binnenland an vielen Stellen Möwen und einige von ihnen lassen sich das gesamte Jahr über beobachten.

Unter den Vögeln bilden die Möwen eine eigene Familie. Je nach Art sind sie mittelgroß bis groß und haben spitze, relativ schmale Flügel, mit denen sie sehr geschickt in der Luft manövrieren können. Das ist für sie sehr wichtig, denn eine Reihe von Möwenarten bewohnt Gegenden am Meer, in denen es sehr stürmisch werden kann. Typisch für Möwen ist außerdem ihr kräftiger Schnabel, dessen obere Hälfte nach unten gekrümmt ist. Diese besondere Form des Schnabels ermöglicht es ihnen, ihre Beute sicher festzuhalten – viele Möwen fangen vor allem Fische oder andere schwer zu packende Meeresbewohner.

Ein weiteres charakteristisches Merkmal aller Möwen ist, dass sie drei nach vorn gerichtete Zehen haben, zwischen denen sich Schwimmhäute spannen. Eine vierte Zehe weist nach hinten und ist nicht mit diesen Schwimmhäuten verbunden. Bei manchen Möwenarten fehlt diese vierte Zehe. Mit Hilfe der feinen Häute zwischen den vorderen Zehen und dank ihres relativ leichten Körpers, der ihnen Auftrieb bietet, können Möwen, ähnlich wie beispielsweise Enten, relativ mühelos auf dem Wasser schwimmen. Tauchen können Möwen allerdings nicht, das ist anderen Vogelarten vorbehalten.

Überschaubare Möwenvielfalt

In Deutschland sind bereits fast 25 Möwenarten beobachtet worden. Bei den meisten dieser Arten handelt es sich aber um Ausnahmeerscheinungen oder sogar extreme Ausnahmen: In diese beiden Kategorien fallen 13 Arten, unter ihnen zum Beispiel die Korallenmöwe, die Aztekenmöwe und die Eismöwe. Drei Arten ziehen bei uns im Frühling und Herbst durch, eine davon ist ein Sommergast - die Schwarzkopfmöwe - und eine andere ist ein Wintergast in kleinen Stückzahlen - dies ist die Zwergmöwe.

Lediglich acht Möwenarten, darunter unter anderem die Heringsmöwe und die Dreizehenmöwe, gelten hierzulande als Jahresvögel, sie können in ihrem jeweiligen Lebensraum also ganzjährig beobachtet werden und sind in Deutschland Brutvögel. Damit ist die Vielfalt der in Deutschland lebenden Möwen relativ überschaubar.

Dies gilt umso mehr, wenn man sich auf die Möwenarten konzentriert, die in den Leinepoldern zwischen Einbeck und Northeim sowie in der unmittelbaren Umgebung vorkommen. Denn das Binnenland ist nicht für alle acht Arten der bevorzugte Lebensraum, weshalb Arten, die an der Küste alltäglich sein können, in dem Naturschutzgebiet im südlichen Niedersachsen eher eine Ausnahmeerscheinung darstellen. "Aber gerade weil es nie ganz ausgeschlossen ist, dass man diese Tiere dort mit einer Portion Glück hin und wieder beobachten kann, ist es so spannend, sich den Möwen in den Leinepoldern zu widmen", erklärt Thomas Spieker von Naturscouts Leinetal e.V.  "Wer möchte, kann sich während einer geführten Wanderung von uns Naturscouts neben anderen Tieren auch die Möwen zeigen lassen. Wir erläutern dabei außerdem immer einige Hintergründe aus dem Leben der Tiere und helfen beim Bestimmen der beobachteten Arten."

Weiße Flieger

Dass man es mit einer Möwe zu tun hat, ist meist recht leicht zu erkennen. Die bereits erwähnten schmalen Flügel fallen im Flug sofort auf und die Tatsache, dass Möwen oft ein überwiegend weiß gefärbtes Gefieder haben, macht sie in aller Regel leicht zu erkennen. Je nachdem, ob sie ihr Schlichtkleid außerhalb der Brutsaison oder ihr Prachtkleid für die Balzzeit und die Brutperiode tragen, kann das Gefieder der einzelnen Arten allerdings unterschiedlich sein.

"Nehmen wir zum Beispiel die Lachmöwe, die in der Gegend ganzjährig immer mal wieder beobachtet werden kann", führt Spieker aus. "Im Schlichtkleid ist das Gefieder überwiegend weiß, auch am Kopf. Dort haben die Vögel dann nur kleine dunkle Flecken direkt vor den Augen und ein Stück dahinter. Die Flügel sind hellgrau und schwarz", beschreibt der Experte die Färbung der Lachmöwen. Tragen diese Vögel dagegen ihr Prachtkleid, ist der Kopf schwarz. Der Schnabel ist kräftig dunkelrot gefärbt, im Schlichtkleid ist er sehr viel heller orangerot mit dunkler Spitze. Auch die Beinfärbung ist bei den Lachmöwen im Prachtkleid erheblich kräftiger rot als im Schlichtkleid. Mit ihrer Flügelspannweite von 86 bis 99 cm ist die Lachmöwe übrigens eine der kleinsten Möwen, die man in der Gegend beobachten kann. Diese Tiere werden mitunter als Binnenmöwen bezeichnet, weil sie im Binnenland an geeigneten Stellen leben und oft sogar brüten.

Gelegentlich lassen sich in den Leinepoldern und in der Umgebung Silbermöwen blicken, zum Beispiel Ende Januar 2017. "Diese Art gilt als die häufigste Großmöwe in Nord- und Westeuropa, die Tiere können eine Flügelspannweite von 125 bis 155 cm haben", erklärt Spieker. Erwachsene Silbermöwen haben überwiegend graue und teils schwarze Flügel, der Körper sowie der Kopf sind weiß befiedert. Im Prachtkleid ist der Kopf rein weiß, im Schlichtkleid zeigt er eine feine, graue Strichelung. Der Schnabel ist im Prachtkleid gelb mit auffälligem rotem Fleck, im Schlichtkleid ist die Schnabelfärbung gedämpfter.

Richtig schwer machen es die jugendlichen und noch nicht voll ausgefärbten Silbermöwen ihren Beobachtern. Nach dem Verlassen des Nestes wächst ihnen das Jugendkleid, zum ersten Winter hin bekommen sie ein erstes unauffällig graubraunes Federkleid, das sich ein wenig vom Jugendkleid unterscheidet. Dann ändern sie zum zweiten Winter hin erneut ihr Aussehen, aber haben noch immer nicht ihr Erwachsenengefieder. Dieses zeigen sie erst ein weiteres Jahr später.

Noch nicht voll ausgefärbte Silbermöwen können leicht mit ebenfalls noch nicht ausgefärbten Individuen anderer Möwenarten verwechselt werden. An den Küsten treten sie oft alle nebeneinander auf und das Bestimmen der Möwen ist dort schwierig. Weil aber Großmöwen wie die Silbermöwe in den Leinepoldern nicht in so großer Stückzahl auftreten, haben es Beobachter hier etwas leichter – vorausgesetzt, sie nehmen sich Zeit und haben ein Spektiv (Beobachtungsfernrohr) oder zumindest ein Fernglas als Hilfe.

Weiterer gelegentlicher Möwenbesuch

Von Zeit zu Zeit lassen sich in den Leinepoldern und im Umland weitere Möwenarten beobachten. Nachgewiesen wurden schon Sturmmöwen, deren Beine gelblichgrün sind – zumindest bei den erwachsenen Tieren. Sturmmöwen haben eine Flügelspannweite von circa 100 bis 130 cm.

Eine Besonderheit im Gebiet ist die Mantelmöwe, sie wurde beispielsweise im Mai 2014 an der Geschiebesperre Hollenstedt gesichtet. Sie ist die größte Möwe und kann eine Flügelspannweite von bis zu 165 cm haben. Ihre Flügel sind auf der Oberseite dunkelgrau und stehen in starkem Kontrast zu den restlichen weißen Gefiederpartien. Der gelbe Schnabel trägt einen roten Fleck und ist sehr groß und wuchtig.

Weitere hin und wieder in der Gegend gesichtete Möwenarten sind die Zwergmöwe, die Steppenmöwe, die Heringsmöwe und die Schwarzkopfmöwe, auch die Mittelmeermöwe lässt sich zuweilen blicken. "Langweilig wird die Möwenbeobachtung nie. Zwar ist die Zahl der Arten, die es in der Gegend gibt, durchaus überschaubar. Aber die jahreszeitlich verschiedenen Kleider sowie die altersabhängigen Gefiedermerkmale sind bei dieser Vogelfamilie ausgesprochen faszinierend", so Spieker. "Was alle Möwen darüber hinaus gemeinsam haben: Ihre Stimmen sind nicht sonderlich melodisch. Und trotzdem ist es schön, sie im Wind segeln zu sehen und ihre rauen Schreie durch die Luft schallen zu hören. Das macht nicht nur an der Küste Spaß, sondern auch hier bei uns im südlichen Niedersachsen."

 

 


 

 

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